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Lanze für Mendelssohn

Selten wird der Liedkomponist Mendelssohn mit einem exklusiven Recital geehrt, wie etwa jetzt von Gudrun Sidonie Otto und Wolfgang Brunner. Vorbehalte gegenüber „Biedermeierlichkeit“ oder gar „religious kitsch“ (Charles Rosen) dürften aber auch durch dieses Geburtstagsgeschenk nicht dauerhaft ausgeräumt werden. Aber das auf bekannte Titel verzichtende Programm öffnet das Ohr doch nachhaltig für Mendelssohns kompositorische Fantasie, wobei er freilich seinen Stil zeitlebens nicht einschneidend modifizierte oder anders ausgedrückt: über Reife schon frühzeitig verfügte.
Daher findet sich in seinen Jugendwerken schon viel Zukunftweisendes. Selbst wenn ein Lied strophisch angelegt ist, frappieren kom positorische Fantasie, reiche harmonischeDelikatesse (manchmal nur ein simpler Dur/Moll-Wechsel oder eine Klei nigkeit wie die abfallenden Halbtonschritte der linken Klavierhand in „Abendlied“), gezielter Einsatz lautmalerischer Klänge.
Mendelssohns bei Moll-Trübungen durch aus gerne verweilende, grundsätzlich jedoch lichtvolle Musiksprache ist für einen schwerelosen, mädchenhaften Sopran wie den von Gudrun Sidonie Otto im Grunde ideal. Und da sich die junge Sängerin auf die Wirkung ihres hell-femininen Edeltimbres nicht alleine verlässt, sondern mit intelligenter Wortgestaltung und vokaler Raffinesse den Liedern pulsierendes Leben verleiht (wie viele Farben sogleich in dem elegischen Erntelied), entsteht nirgends der Eindruck von Gleich förmigkeit. Dazu trägt auch die lebendige Begleitung Wolfgang Brunners bei. Ob der von ihm historisch stichhaltig gewählte Hammerflügel angemessener ist als ein modernes Klavier – das ist eine Sache individueller Überzeugung.

Christoph Zimmermann, Fono Forum, 8. September 2009


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